Frontal21: Die leise Revolution

Ich habe in der ZDF Mediathek einen aktuellen Frontal21-Beitrag über Elektrofahrzeuge gesehen. Dieser Beitrag hat mich so aufgewühlt, dass ich mich genötigt fühlte, eine Art Leserbrief oder Forumsbeitrag zu schreiben. Das ist etwas ausgeartet. Hier ist zunächst der Link zu dem Beitrag (ca. 45min):

http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/1/0,1872,1001633,00.html?dr=1

(Ich hoffe, dass der Beitrag unter diesem Link längerfristig zur Verfügung steht. Ansonsten findet man ihn wahrscheinlich in der Mediathek unter dem Titel „Die leise Revolution„.)

Ja, ich arbeite in der Automobilindustrie und es könnte sein, dass ich deswegen ein Bisschen vorurteilsbeladen bin. Aber ich bin auch technikbegeistert und interessiere mich von Natur aus für neue Antriebskonzepte, für ihre Vor- und natürlich auch Nachteile. Und ich bin ehrlich bis ins Mark erschüttert ob des obigen Beitrags. Nun möchte ich mir nicht meinen Freitagabend damit verderben, die ganzen einseitigen Betrachtungen hier von der anderen Seite zu beleuchten. Nur so viel:

Anscheinend geht es im Beitrag nur um den Benzin-/DieselPREIS. Argumente zum CO2-Äquivalent werden nicht gebracht. Die Basis der gesamten Argumentationsstruktur sind also ausschließlich die Kosten. Gut, damit kann man leben.

 

Was sollte der i-MiEV kosten? 34.000? Für einen kleinen Stadtwagen? Dafür bekomme ich ja 4(!) Dacia Sandero. Wie weit kann man wohl mit so einem fahren, bis der Preisvorteil aufgebraucht ist?

 

Wenn Renault und PSA schon seit den frühen 2000er Jahren eine Elektroflotte am Start haben, warum fahren dann nicht überall in den Städten solche Fahrzeuge rum? Dafür muss es ja Gründe geben, und die interessieren mich wirklich. Ich schätze, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis einfach nicht stimmt. Vielleicht ist auch die Infrastruktur nicht entsprechend ausgebaut. Vielleicht sind es aber auch die totalen Klapperkisten – der Beitrag lüftet dieses Geheimnis allerdings nicht. Schade. Ich wusste bisher noch nicht von der Existenz der Elektro-Franzosen.

 

Der Opel Ampera hat, wie ich finde, noch das beste Konzept. (Und er sieht auch noch ansprechend aus) Dem Range-Extender gehört die Zukunft der Elektromobilität. Aber was soll dieses Fahrzeug kosten? 43.000+X? Man könnte sich vor Augen halten, dass das der Gegenwert eines fabrikneuen Porsche Boxster ist. Ich habe den Ampera noch nicht gesehen, aber für den Preis erwarte ich eine gehörige Portion Gegenwert – nicht ausschließlich für’s Gewissen.

 

Das Problem der Reichweite ist ja das eigentlich Interessante bei Elektrofahrzeugen. Wenn es doch so ist, dass die meisten gefahrenen Strecken nur ~50km lang sind, dann ist solch ein Elektroauto doch ideal. Aber wo kann ich aufladen? Kostenlos im Eiscafé wahrscheinlich eher selten. An meinem Arbeitsplatz gibt es solch eine Ladestation. Aber vor meiner Wohnung nicht – dort gibt es in 80% aller Fälle nicht einmal einen Parkplatz. 🙁 Als Mieter ist man sowieso oft aufgeschmissen. Elektrofahrzeuge scheinen etwas für gut verdienende Hausbesitzer zu sein. Also im Prinzip Zweitwagen.

 

BMW hat mich für die 2. Elektro-Mini-Studie auch nicht ausgewählt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich mit Potsdam zu weit „draußen“ wohne und hier auch keine eigene Lademöglichkeit habe. Vielleicht gingen sie auch davon aus, dass ich mir die 400€ Leasinggebühr für den Kleinstwagen (nur 2 Sitze und ein Akku auf den Rücksitzbank) nicht leisten kann. Ich scheine nicht so richtig die Zielgruppe für Elektrofahrzeuge zu sein.

 

Und was ist, wenn ich mal weiter weg will. Die Frau im Beitrag sagt nach wenigen Test-Tagen, dass man das Laden sehr gut planen kann. Ja, stimmt. Wenn ich planen will, kann auch mit der Bahn fahren. Oder mit dem Bus. Das dauert dann oft etwas länger… Und was macht man während der Lade- / Wartezeit? 8 Stunden an 230V~ ist ne ganze Menge totzuschlagende Zeit. Ich kenne Dörfer, da fährt am Wochenende 1x ein Bus durch. Auch das kann man planen… Ein eigenes Fahrzeug ist ja gerade deswegen reizvoll, weil man damit spontan mobil ist. Gerade auf dem heutigen Arbeitsmarkt, wo man kompromisslos mobil sein muss. Sonst kann man doch gleich völlig auf ein eigenes Fahrzeug verzichten und somit die Umwelt noch mehr schonen.

 

Da ist es verwunderlich, dass so verächtlich über die Brennstoffzelle berichtet wird. Wo das doch gerade eine der Strategien ist, die das Ladezeitproblem bekämpfen. Saubere Elektroautos für alle Einsatzzwecke. OK, Wasserstofftankstellen gibt es noch nicht viele. Aber mit Stromtankstellen sieht es ja ähnlich schlecht aus.

 

Eines der krudesten Argumente des Beitrags ist kompliziert. Ja, Technik ist oft kompliziert. Nur, weil es weniger bewegte Teile gibt, ist ein Elektrofahrzeug nicht unbedingt unkompliziert. So ein effizienter Wechselrichter fällt nicht vom Himmel. Fahrstrategien, Akkuleistung, Kühlstrategien, Klimatisierungslösungen möchten entwickelt werden, getestet und müssen sich in der Praxis bewähren. Auch im Winter. Auch im Hochsommer. Mit Heizung und Klimakompressor. 200.000km. Auch wenn es unglaublich klingt, aber das ist Arbeit und es kostet Entwicklungszeit.

Klar kann man hunderte Notebook-Akkus in einen Tesla-Roadster packen. Das ist ein kompromissloses Spaßmobil, das nicht im Winter gefahren wird und als Cabrio im Sommer natürlich keinen Kühlmittelverdichter braucht. Ich glaube auch nicht, dass eines dieser Autos jemals mehr als 200.000km fahren muss.

 

Natürlich kann man sich fragen, warum die deutsche Autoindustrie im Gegensatz zur Konkurrenz noch kein Elektrofahrzeug anbietet. Ich frage mich das auch. Aber man kann der Industrie nicht vorwerfen, dass sie die Zeit verschlafen hätte. Schließlich wird in den Entwicklungsabteilungen ja auch nicht geschlafen. Ich denke eher, dass die Zeit bis jetzt noch nicht reif ist / war. Gerade bei reinen Stadtautos wird oft extrem aufs Geld geachtet. Und Elektrofahrzeuge rentieren sich in der Beziehung noch lange nicht. Für Mieter ohne eigenen Stellplatz schon gar nicht. Wo sind die ganzen Renault und Peugeot, die schon ewig verfügbar sind? Die Infrastruktur ist dürftig bisher und dafür kann man die Hersteller nicht verantwortlich machen. Dort müsste die Politik ran. Aber Subventionen sind ja hier nicht gern gesehen.

Apropos verschlafen: Erinnert sich noch jemand an den VW Lupo 3l? Oder das Audi A2-Äquivalent? Auf geringsten Verbrauch optimiert bis ins kleinste Detail – ein finanzieller Flop. Schlechte Verkaufszahlen weil zu teuer. Wieder und wieder ist es das Preis-Leistungs-Verhältnis, das über Erfolg und Misserfolg entscheidet.

 

Ich mag keine Lobbyisten. Und als Sprecher (oder war es der Vorsitzende?) des Verbandes der Automobilindustrie erwarte ich natürlich nur gute Worte im Sinne der Hersteller. Aber ein Bisschen Stolz sollte man sich schon gönnen dürfen. Schließlich sind deutsche Autos in aller Welt als äußerst hochwertig bekannt. Insofern ist das Argument im Beitrag nicht von der Hand zu weisen, dass die deutsche Automobilindustrie etwas später, aber dann mit ausgereiften Produkten in den Mark starten will.

Eine persönliche Erfahrung: Vor wenigen Jahren gab es ein Mobiltelefon eines asiatischen Herstellers in meiner Familie. Aus der Distanz im Verkaufsraum ein sehr vielversprechendes und gefälliges Gerät. Im täglichen Gebrauch hat es sich als undurchdacht, schlecht konstruiert und nicht brauchbar gezeigt. Jetzt ist das nicht unbedingt auf alle Bereiche übertragbar, aber die Philosophie, immer der Erste sein zu müssen, in Kombination mit „Produkt reift beim Kunden“, habe ich schon zu oft erleben müssen. Und ich möchte an dieser Stelle jedem Hersteller meinen Respekt aussprechen, der dieser allgemeinen Tendenz widersteht.

 

Was gab es noch zu sehen im Beitrag? Ja, der umgebaute Lupo 3l der Niederländer. Wie oben schon erwähnt im Grundpreis sehr teuer weil u. a. aerodynamisch sehr stark optimiert. Dort ein paar Akkus und eine Elektromotor von der Stange einzubauen ist keine Kunst. Informationen zur Lebensdauer der Akkus, Crashsicherheit mit anderem Antriebsaggregat, Crashsicherheit der Hochvolttechnik und Reichweiteneinbuße durch Klimatisierung bleibt der Beitrag jedoch schuldig. Auch schade. Bei den ganzen Beispielen umgebauter Serienfahrzeuge frage ich mich auch, wie sich das erhöhte Gewicht und der veränderte Schwerpunkt sowie die neue Achslastverteilung auf das Fahrverhalten auswirken. Wurde auch das Fahrwerk angepasst? Das ESP neu eingestellt? Ist die Original-Bremsleistung für das schwerere Fahrzeug überhaupt noch ausreichend?

 

Dann ist da noch der Vergleich eines aktuellen Golf VI einer älteren Generation. Ja, die alten Diesel-Golf haben fast nichts verbraucht. Allerdings will man mit denen vielleicht auch nicht gegen eine Wand fahren. All die Weiterentwicklungen in Sicherheit, Komfort und Akustik und die gestiegenen Ansprüche der Verbraucher an die Fahrleistung stecken in der aktuellen Golf-Generation. Deswegen wiegt dieses Auto auch mindestens doppelt so viel wie der Ur-Golf. Dass der Verbrauch fast nicht gestiegen ist, ist solider Optimierungsarbeit geschuldet. Mit der Optimierung wird der Motor natürlich auch komplizierter… In einem Satz: Vergleich NCAP-Sterne, Abgasnormen, Feinstaubbelastung und Innenraumakustik der Fahrzeuge! ESP? ABS? XYZ?

Und so gerne ich es auch sehe, wenn Politiker und Manager, die auf gute Argumente keine Antwort haben, stotternd versuchen, Land zu gewinnen. Man kann keine fundiert durchdachte Antwort erwarten, wenn man den Menschen aus dem VW-Management unvorbereitet mit technischen Details überfällt. Funktioniert natürlich super, wenn ich meine eigenen Vorurteile bestätigt sehen möchte.

 

Die interviewten SUV-Verkäufer haben abgesehen vom Jeep-Typen den Nagel auf den Kopf getroffen: Es wird entwickelt und verkauft, was der Kunde will. Und wenn das ein großer Panzer ist, dann ist das so. Angebot, Nachfrage etc. Sicherlich kann man da als Hersteller durch das Angebot auch Einfluss nehmen. Aber wo sind die ganzen Elektro-Franzosen, die es schon seit Ewigkeiten gibt? Offensichtlich ist wohl die Nachfrage (noch) nicht da.

 

Der Tesla Roadster aus dem Anfang des Beitrags ist natürlich ein Traum. Die Basis – Lotus Elise – ist ein kompromissloses Fahrzeug. Ein ultraleicht-Sportwagen mit wenig Komfort, eine reine Fahrmaschine. Daraus ein kompromissloses Elektrofahrzeug zu entwickeln liegt natürlich nahe. Mit 100k Euro allerdings auch deutlich teurer als das Original.

 

Mein Fazit:

Vielleicht klingt es so, als wäre ich überzeugter Gegner von Elektrofahrzeugen. Aber so ist es nicht. Viel mehr hat mich die unreflektierte, unqualifizierte und propagandistische Art dieses gebührenfinanzierten ZDF-Beitrags so aufgeregt, dass ich das einfach nicht so stehen lassen konnte. Vielleicht sollte er auch nur polarisieren und ich bin voll drauf angesprungen. 😉

Sicherlich ist das Potential von Elektroautos groß. Allerdings darf man deswegen nicht ausblenden, dass es sich bisher und auch in den nächsten Jahren noch um eine innerstädtische Nischenanwendung handeln wird. Die Defizite sind offensichtlich und ausführlich erläutert. Daran wird gearbeitet, entwickelt, geforscht. Und wenn ich dann irgendwann ein ausgereiftes, alltagstaugliches, bezahlbares, überall schnell aufladbares, sicheres Range-Extender- oder Brennstoffzellen-Fahrzeug kaufen kann, dann ist mir egal, wer der erste auf dem Markt war.

 

PS. Jetzt ist es doch der gesamte Freitagabend geworden…

23. Juli 2011 von Christian

 
 

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Kommentare, Fragen und Tipps

3 Beiträge zu “Frontal21: Die leise Revolution”

  1. TL431 schreibt am 16. August 2011 um 19:35:

    Die Reportage ist jetzt in der Mediathek zu finden:
    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1360798/

    Ich fand sie übrigens auch unter aller S..
    Das war so dermassen einseitig dargestellt, das einem schlecht geworden ist.
    Hatte auch eine Mail an die Redaktion geschickt. Nur faule ausreden von wegen die deutschen Hersteller hätten ja kein Material zur Verfügung gestellt…

  2. Christian schreibt am 17. August 2011 um 01:42:

    Danke für den Link.
    Ich hatte auch zuerst überlegt, den Artikel ins Frontal-Forum zu stellen oder an die Redaktion zu schicken. Weil es aber dann aber doch so viel geworden ist, weil in Foren meist nur Deppen unterwegs sind und weil kritische Briefe an eine Redaktion ganz gerne ignoriert werden, ist das hier der richtige Ort gewesen.

  3. Mirko schreibt am 25. September 2011 um 12:08:

    Hallo Christian…

    danke für das gelungene Statement zu dieser Reportage. Ich habe sie auch gesehen und mich sehr darüber geärgert. Auch ich bin in der Automobilindustrie tätig, und auch ich habe mich selbstkritisch gefragt, ob ich nicht zu scharf über diesen Bericht urteile. Mein Fazit: Nein, denn wer Äpfel mit Birnen vergleicht und dies als seriösen Journalismus bezeichnet, verdient nichts Anderes.
    Grüße
    Mirko

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